Eine kleine Veränderung im Körper kann manchmal nur kurzzeitige Neugier auslösen, manchmal aber auch die Gedanken einer Person lange beschäftigen. Wenn Kopfschmerzen, Herzklopfen, Magenbewegungen oder eine kleine Veränderung der Haut als Zeichen einer schweren Erkrankung gedeutet werden, kann sich die gesundheitsbezogene Angst rasch verstärken. Der umgangssprachlich als „Krankheitsangst“ bezeichnete Zustand wird in aktuellen medizinischen Klassifikationen meist nicht mehr unter Hypochondrie, sondern unter dem Begriff Krankheitsangststörung geführt.
In diesem Zustand kann sich die Person intensiv auf den Gedanken konzentrieren, eine schwere Krankheit zu haben oder bald zu entwickeln. Körperliche Symptome können fehlen oder nur leicht ausgeprägt sein; die Angst nimmt jedoch unverhältnismäßig zu. Häufiges Recherchieren von Symptomen im Internet, wiederholtes Kontrollieren des Körpers, das Einholen von Rückversicherung bei Angehörigen oder manchmal im Gegenteil das Vermeiden von Arztbesuchen können auftreten. Dieser Zustand bedeutet nicht einfach nur „viel nachdenken“; er kann den Alltag, Beziehungen und die Leistungsfähigkeit deutlich beeinträchtigen.
Die Krankheitsangststörung ist gekennzeichnet durch eine anhaltende, übertriebene und die Funktionsfähigkeit beeinträchtigende Angst, schwer erkrankt zu sein oder in naher Zukunft schwer zu erkranken. Entscheidend ist hier die Diskrepanz zwischen der Intensität der Angst und dem Ausmaß der tatsächlich vorhandenen körperlichen Symptome. Mitunter deutet die Person sehr leichte Körperempfindungen als schwerwiegende Zeichen, manchmal erlebt sie eine ausgeprägte Angst vor Krankheit, obwohl kaum konkrete Beschwerden bestehen.
Nicht jede Sorge um die eigene Gesundheit erfüllt diese Diagnosekriterien. Es ist normal, dass Menschen sich gelegentlich um ihre Gesundheit sorgen. Bei der Krankheitsangststörung ist die Angst jedoch nicht vorübergehend, sie kehrt häufig wieder und nimmt einen erheblichen Teil der geistigen Energie in Anspruch. Im diagnostischen Rahmen wird erwartet, dass dieses Muster mindestens 6 Monate anhält. Das Thema der Angst kann sich dabei verändern; so kann eine Person in einem Zeitraum starke Sorgen vor einer Herzerkrankung und in einem anderen vor einer neurologischen Erkrankung haben.
Im Verlauf des Tages kann die Person immer wieder zu katastrophisierenden Gedanken bezüglich ihrer Gesundheit zurückkehren. Diese gedankliche Beschäftigung kann es erschweren, sich auf Arbeit, Studium, Familienleben oder Erholung zu konzentrieren.
Gewöhnliche körperliche Empfindungen wie Muskelzucken, kurzzeitige Schmerzen, Müdigkeit, Magenknurren oder das bewusste Wahrnehmen des eigenen Pulses können als Anzeichen einer schweren Erkrankung interpretiert werden. Vergrößert wird das Problem häufig weniger durch die Empfindung selbst als durch die Bedeutung, die ihr zugeschrieben wird.
Den Körper im Spiegel zu untersuchen, Hautveränderungen zu beobachten, sich auf Messwerte wie Puls oder Blutdruck zu fixieren, Angehörige immer wieder mit denselben Fragen zu konfrontieren – all dies kann zu diesem Muster gehören. Auch die Internetsuche nach Symptomen kann einen Kreislauf bilden, in dem kurzfristige Erleichterung eintritt, gefolgt von einem erneuten Anstieg der Angst.
Selbst wenn Untersuchungen oder als erforderlich erachtete Tests keinen Hinweis auf eine ernsthafte Erkrankung ergeben, kann es der Person schwerfallen, sich von dem Gedanken „Wurde vielleicht etwas übersehen?“ zu lösen. Dies kann erneute Rückversicherungsversuche anstoßen.
Wenn die Angst um die Gesundheit stark ausgeprägt ist, kann die Arbeitsleistung sinken, soziale Aktivitäten können aufgeschoben und familiäre Beziehungen belastet werden. Die Person kann beginnen, Bewegung, Alleinsein, Reisen oder gewöhnliche Aktivitäten zu vermeiden, die körperliche Empfindungen auslösen könnten.
Für die Krankheitsangststörung lässt sich keine einzige, eindeutige Ursache angeben. Einige Faktoren können jedoch mit diesem Muster in Zusammenhang stehen. Eine geringe Toleranz gegenüber Ungewissheit ist einer davon. Die Tatsache, dass der Körper nicht immer vollständig vorhersehbar ist, kann bei manchen Menschen das Bedrohungserleben verstärken.
Wenn eine Person eine kleine Veränderung sofort mit einer schweren Erkrankung in Verbindung bringt, steigt die Angst schnell an. Ein familiäres Muster übermäßiger Beschäftigung mit Gesundheit, schwere Krankheitserfahrungen in der Kindheit, das Miterleben schwerer Erkrankungen im nahen Umfeld und belastende Lebensereignisse können ebenfalls mit diesem Beschwerdebild assoziiert sein.
Auch eine übermäßige gesundheitsbezogene Internetnutzung kann die Angst verstärken. Je mehr nach Symptomen gesucht wird, desto größer wird die Angst, und je größer die Angst, desto mehr wird wiederum recherchiert. Dennoch bedeutet häufige Internetrecherche allein nicht, dass eine Krankheitsangststörung vorliegt. Entscheidend ist, wie hartnäckig dieses Verhalten ist und in welchem Ausmaß es das Leben beeinträchtigt.
Zunächst sollten reale körperliche Symptome von Ärztinnen und Ärzten beurteilt werden. Denn neu aufgetretene, sich verändernde oder medizinisch abklärungsbedürftige Beschwerden können auch auf eine eigenständige Erkrankung hinweisen. Deshalb sollten körperliche Symptome nicht automatisch ignoriert werden, selbst wenn an eine Krankheitsangst gedacht wird.
Bei der Beurteilung werden insbesondere die Dauer der Angst, ihr Ausmaß im Tagesverlauf, die Häufigkeit von Kontroll- und Rückversicherungsverhalten, der Einfluss der Internetrecherche auf die Angst sowie mögliche Einschränkungen in der Funktionsfähigkeit berücksichtigt. Schwierigkeiten, sich trotz unauffälliger Befunde beruhigen zu können, das Wiederkehren der Angst und das langfristige Fortbestehen dieses Musters können auf eine Krankheitsangststörung hinweisen. Falls erforderlich, kann eine Abklärung durch Fachleute im Bereich der psychischen Gesundheit vorgesehen werden. Online-Tests oder Selbsteinschätzungsinstrumente führen für sich allein nicht zu einer Diagnose.
Ziel der Behandlung ist es, den erlebten Leidensdruck ernst zu nehmen, den Angstkreislauf zu verstehen und die Funktionsfähigkeit wieder zu stärken. Der erste Schritt besteht darin, durch eine geeignete klinische Untersuchung mögliche organische Ursachen zu überprüfen. Anschließend kann ein planvolles und regelmäßiges Nachsorgekonzept entwickelt werden. So soll sowohl die Zahl unnötiger wiederholter Arztkontakte als auch die angesichts von Unsicherheit zunehmenden, unstrukturierten Suchbewegungen reduziert werden.
Psychoedukation ist ein wichtiger Bestandteil. Dass die Person erkennt, wie ihre Angst ansteigt, wie sie körperliche Empfindungen deutet und welche Verhaltensweisen die Angst aufrechterhalten, unterstützt den Behandlungsprozess. Besonders die kognitive Verhaltenstherapie gehört zu den zentralen Therapieansätzen bei der Krankheitsangststörung. Dieser Ansatz kann helfen, katastrophisierende Gedanken, ständiges Kontrollieren und den Kreislauf der Rückversicherung zu bearbeiten. Regelmäßige ärztliche Verlaufsuntersuchungen können ebenfalls dabei helfen, gesundheitsbezogene Unsicherheiten strukturierter zu bewältigen.
Wenn die Angst vor Krankheit sich immer wieder verstärkt, einen großen Teil des Tages einnimmt und die Lebensqualität deutlich mindert, sollte professionelle Unterstützung in Erwägung gezogen werden. Schwierigkeiten, Arbeit oder Schule nachzugehen, ausgeprägte Spannungen in Beziehungen und Probleme, den Alltag zu bewältigen, sprechen dafür, diese Unterstützung nicht aufzuschieben.
Gedanken an Selbstverletzung, ausgeprägte Hoffnungslosigkeit oder die Unfähigkeit, den Alltag aufrechtzuerhalten, können darüber hinaus nicht nur auf Krankheitsangst, sondern auf eine zusätzliche psychische Problematik hinweisen, die gesondert abgeklärt werden sollte. In solchen Situationen sollte ohne Verzögerung fachkundige Hilfe in Anspruch genommen werden. Diese Inhalte ersetzen keine Diagnose und keine individuelle fachliche Beurteilung.